Marko Dinić

3,5 Grad Schande

Die erste Lüge, die ich in Österreich lernte, war konstitutiver Natur: Österreich sei das erste Opfer der Nationalsozialisten gewesen – und Egon Friedell habe auch wirklich nur Passanten zur Seite treten lassen wollen ... Zwar versicherte man mir, dass sich heutzutage niemand vernünftiges zu solch einer Anmaßung mehr versteige. Aber ich komme nicht umhin, hinter einem über Generationen hinweg internalisierten Opfergestus auch eine Opfermentalität zu wittern; schließlich komme ich aus Serbien, wo es zur Staatsräson gehört, immer schon das erste Opfer von allen gewesen zu sein.

Dass die Opferposition ihr Subjekt von einer etwaigen Verantwortung gegenüber diesem oder jenem entheben kann, soll – für den Augenblick dieser Verkürzung zumindest – als wahre Aussage hingenommen werden: Wie anders lässt sich der hiesige Umgang mit der Frage erklären, was aus dem am Wiener Stubenring gelegenen Karl-Lueger-Denkmal geschehen soll, als mit einer aus ebenjener Opfermentalität sich speisenden, politischen Borniertheit, die jegliche Verantwortung von sich weist, mit dem Vermerk, dass solche Widersprüche, wie das Karl-Lueger-Denkmal eines ist, ausgehalten werden müssen in einer Demokratie, die mir eher gut verwaltet als gut regiert dünkt.

Doch der Grat zwischen Aufarbeitung und Fetisch ist schmal, wie ein Blick in die zigste ZDF-Hitlers-Handlanger-Doku vermuten lässt: Eine finstere, zwischen lebendiger Erinnerung und Pflichtübung changierende Dialektik bricht sich hier Bahn, die den mit offenen Augen auf den Bildschirm Starrenden suggeriert, alles, aber auch wirklich alles über die Täter wissen zu müssen, während die Geschichten der Opfer musealisiert werden in der Hoffnung, den Tag des Schlussstriches, den so viele herbeisehnen, hinauszögern zu können.

Aus diesen und vielen anderen – etwa von Shoa-Überlebenden in einem offenen Brief an Wiens Bürgermeister, Michael Ludwig, dargebrachten – Gründen gehört der seit Kurzem wieder aus dem Reich der Untoten hervorgeholte Entwurf für das Karl-Lueger-Denkmal, der vorsieht, die Statue um 3,5 Grad nach rechts zu kippen, in die Tonne getreten – genauso wie das Denkmal selbst. Nicht nur, weil dieser in Bronze gegossene Antisemitismus – denn nichts anderes symbolisiert diese Statue mittlerweile – in jener Stadt steht, in der Hunderttausende am 15. März 1938 den Genozid an ihren Mitbürgern herbeigeschrien haben, sondern auch, weil ein Pferd damals tatsächlich nicht ohne seinen Reiter bei der Wehrmacht anheuern durfte.

Bei der ganzen Diskussion geht es nicht, wie manche Rechten und Konservativen konspirativ meinen, um einen neuen Bildersturm, der uns von allen Übeln dieser Welt bereinigte, linke Wertevorstellungen aufzwingen will. Oder hat die Entfernung der unzähligen Stalin-Statuen im Osten Europas dazu geführt, dass die Verbrechen, die im Namen eines eher schlecht als recht geratenen Kommunismus begangen wurden, dem kollektiven Vergessen anheimfielen? Das Gegenteil war der Fall! Die Erinnerung war, ist und bleibt hartnäckiger als das Vergessen, welches immer Komplize des Verbrechens sein will; sie überdauert sogar die Bronze eines Denkmals. Eine Geschichte von unten ist möglich.

Aber in Österreich liegt derartig vieles im Schiefen, dass die 3,5 Grad das Denkmal wahrscheinlich gerade aussehen ließen. Dabei ist die seit über einem Jahr ausstehende Antwort des Wiener Bürgermeisters an die Shoa-Überlebenden nur eine der vielen Schanden, die auf einer symbolischen Ebene den Kern dessen widerspiegelt, wie sich die österreichische Gesellschaft von ihrem verqueren Verständnis der Geschichte abhängig gemacht hat. Umso entschiedener muss den Fetischisten und Apologeten entgegengetreten werden, wenn sie behaupten, mit dem Entfernen des Karl-Lueger-Denkmals werde ein Stück unliebsamer Geschichte aus dem öffentlichen Raum verbannt. Vielmehr geht es darum, mit der nicht totzukriegenden Geschichte in den Schulbüchern der zukünftigen Generation zu erklären, wer Ruth Klüger war, nach welcher der ehemalige Karl-Lueger-Platz nach seiner Umgestaltung benannt wurde. Denn nur eine solche Gesellschaft wird im Umkehrschluss den zutiefst demokratischen Satz von Miroslav Krleža verinnerlicht haben, der da lautet: „Den Großen gewidmete Denkmäler aus Bronze sollten gar nicht erst aufgestellt werden, ohne vorher mindestens zweimal gestürzt worden zu sein.“

Das Karl-Lueger-Denkmal wartet noch auf seinen ersten Sturz.

Ursprünglich erschienen im Tagebuch 9/2023.