Mirjam Zadoff

Lueger und Co - was machen wir mit ihnen?

Im Dezember 1949 entdeckten Kanalarbeiter in Düren, am Nordrand der Eifel zwischen Köln und Aachen gelegen, die Umrisse einer Gestalt, die im schmutzigen Wasser trieb. Sie zogen den vermeintlichen Körper ans Ufer und entdeckten zu ihrer Erleichterung, dass es sich um keinen Toten, sondern um eine hölzerne Statue handelte. Ihre Freude wandelte sich jedoch in Enttäuschung, als sie feststellten, dass sie das Abbild Hitlers vom Dreck befreiten. Was taten die findigen Arbeiter? Sie kippten den „Führer“ zurück in den Kanal.

Im Sommer 2020, vor knapp einem Jahr, holten Demonstranten im englischen Bristol die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston von ihrem Sockel – und versenkten sie im Hafen. Das Ereignis löste eine in vielen Teilen der Welt längst ausständige Debatte über Monumente und Denkmäler aus, über ihre Relevanz und Zeitgemäßheit. Anders als der Fall Colstons löste der versenkte Hitler 1949 keine öffentliche Diskussion aus – im Gegenteil lag damals vielen daran, jede Erinnerung an die mörderische Nazi-Diktatur im Untergrund verschwinden zu lassen. Die FDP forderte anlässlich der Bundestagswahl im selben Jahr bereits, einen frühen Schlussstrich unter die NS-Geschichte zu ziehen. Ungeachtet dessen berichteten amerikanische Zeitungen amüsiert über den Vorfall im Kanal. Immer wieder sollten seitdem Statuen und Büsten Hitlers an ungewöhnlichen Orten auftauchen – erst vor wenigen Jahren unter dem französischen Senat, im Pariser Palais du Luxembourg. Das Holocaust Memorial Museum hat eine kleine Porzellanbüste Hitlers in seiner Sammlung, die in Little Havana, Miami, gefunden wurde. Historische Museen in Deutschland und Österreich sehen sich regelmäßig vor die Entscheidung gestellt, ihnen angebotene Konterfeis des österreichisch-deutschen Massenmörders in ihrer Sammlung zu verstecken oder aber sie schweren Herzens dem freien Markt zu überlassen – und damit einem weltweit aktiven Devotionalienhandel mit Nazi-Schrott.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die noch intakten Memorabilien des Regimes rasch aus der Öffentlichkeit verschwunden. Obwohl sich viele dieser Objekte bis heute in Museumsdepots finden, werden sie aus Sorge vor ihrer auratischen Qualität selten ausgestellt. 2019 zeigte das Tiroler Ferdinandeum in der Schau „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung. Kunst und Nationalsozialismus in Tirol“ eine Reihe von Hitler-Porträts, die durch eine vielfältige Ausstellung kontextualisiert wurden – verstörend wirkten sie trotzdem. Denn mehr als 75 Jahre nach Kriegsende ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus – immer noch bzw. wieder – eng mit aktuellen politischen Entwicklungen verknüpft. Anfang diesen Jahres berichtete das Magazin „The New Yorker“ über ein riesiges, vergessenes und weitgehend unbekanntes Armeedepot in Virginia, in dem Nazi-„Kunst“ gelagert und vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen wird. 1945 wollte die amerikanische Armee verhindern, dass die Büsten, Porträts und Historiengemälde als Träger der Ästhetik und Ideologie der Bewegung in den falschen Händen zu einem Wiederaufleben des Nationalsozialismus führen könnten. Auch die aktuelle Chefkuratorin der US-Army, Sarah Forgey, spricht sich dagegen aus, das Depot jetzt der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Look at the world today. That rationale seems more valid in 2020 than it’s been in a long time“, erklärte sie im Interview. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des Berichts stürmte ein rechtsextremer Mob das Kapitol in Washington. Die rassistischen und antisemitischen Symbole, die den versuchten Putsch begleiteten, unter anderem Hakenkreuze, bestätigten Forgeys Sorge.

Die verborgene Existenz der Hitler-Konterfeis nahm der US-amerikanische Bürgerrechtler Jesse Jackson im August 2017 zum Anlass, die Entfernung von Dutzenden Statuen der Konföderierten in den USA zu fordern. Seit Jahren war diese Diskussion zwischen Historiker*innen, Aktivist*innen und der Politik geführt worden, als der Denkmalstreit im Sommer 2017 eskalierte: Unter dem Motto „Unite the Right“ („Vereinigt die Rechte“) demonstrierten rassistische und antisemitische Gruppierungen in Charlottesville, Virginia, gegen die geplante Entfernung eines Standbildes von Robert E. Lee.

Symbol der Sklaverei verbannen

Der Stadtrat aus mehrheitlich Vertretern der demokratischen Partei hatte entschieden, den Südstaatengeneral als Symbol der Sklaverei und Unterdrückung aus dem öffentlichen Raum zu verbannen – die Folge war der größte rechtsextreme Aufmarsch in den USA seit Jahrzehnten: Neonazis, Neo-Konföderierte, Anhänger des Ku-Klux-Klans und der White Supremacy zogen mit Gewehren und Fackeln bewaffnet durch die idyllische College-Stadt - die Gewalt eskalierte, und eine Gegendemonstrantin wurde tödlich verletzt.

Die Mehrzahl der Konföderierten-Denkmäler war im späten 19. Jahrhundert errichtet worden, um die gesetzlich legitimierte Segregation in den Südstaaten der USA zu zementieren und um Afroamerikaner*innen einzuschüchtern und politisch zu isolieren. Denkmäler zu entfernen, so erklärte die einflussreiche Vereinigung amerikanischer Historiker (AHA) in einer Reaktion auf die Ereignisse in Virginia, bedeute nicht, Geschichte auszuradieren, sondern auf eine frühere und überkommene Interpretation hinzuweisen und diese zu überdenken. General Lee wurde vor wenigen Wochen endgültig von seinem Sockel geholt, die liberale Stadtgemeinde hat sich durchgesetzt. Waren die US-Amerikaner 2017 noch mehrheitlich dafür, belastete Denkmäler auf ihren Podesten zu belassen, so spricht sich heute eine Mehrheit dafür aus, sie zu entfernen. Die wochenlangen Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung im vergangenen Sommer haben diesen Bewusstseinswandel – genauer: die Bewusstwerdung der Rolle von Erinnerungssymbolen im öffentlichen Raum – maßgeblich bewegt. Dass auf die Ermordung George Floyds weltweite Proteste folgten, zeigt, wie wichtig transnationale Erinnerungsprozesse sind - und ein Denken über Vergangenheit, das über nationale Grenzen hinausgeht. An vielen Orten gibt es belastete Hinterlassenschaften sowie eine Vielzahl von kreativen Vorschlägen, damit umzugehen: sie in Museen zu bringen, auf unterschiedliche Weise zu kontextualisieren, zu überschreiben oder einfach zu demontieren. Für England hat der in das Hafenbecken von Bristol gestürzte Sklavenhändler Colston mehr bewirkt, als er es auf seinem Sockel jemals tun konnte.

Großbritannien hat lange Zeit über das Schicksal von einem Fünftel der Weltbevölkerung entschieden. Dass es damals zu Kolonisierung und Versklavung kam, und dass der heutige Rassismus eine Folge davon ist, wissen viele Menschen immer noch nicht. Diesem Nachholbedarf müssen Museen und Bildungseinrichtungen begegnen, indem sie ein gemeinschaftliches Nachdenken anregen und moderieren.

Ein exzellentes Beispiel dafür ist „The Fourth Plinth Project“ am Trafalgar Square, jenem Platz, der vielen als das Zentrum Londons gilt. Rund um die Säule in Erinnerung an Admiral Nelson gruppieren sich vier Piedestale; drei tragen Skulpturen aus dem 19. Jahrhundert: ein König und zwei Generäle - für einen weiteren König reichte damals das Geld nicht. Seit 1999 wird nun auf dem vierten Sockel alle zwei Jahre eine Skulptur von zeitgenössischen Künstler*innen ausgestellt; darunter vor Kurzem die Arbeit des amerikanisch-irakischen Künstlers Michael Rakowitz, der eine durch den IS in Mossul zerstörte Skulptur aus dem Jahr 700 v. Chr. aus leeren Dattelsirupdosen rekonstruierte. Kommendes Jahr soll nun eine Skulptur des malawischen Künstlers Samson Kambalu realisiert werden, die als Tribut an den antikolonialen Rebellen John Chilembwe gedacht
ist. Zwei Jahre darauf wird eine Arbeit der mexikanischen Künstlerin Teresa Margolles folgen, die 850 Lebendmasken von Trans-Personen zu einer Skulptur verwebt. Ausgewählt werden alle Projekte im Übrigen partizipativ - Kambalus Projekt erhielt 17.500 Stimmen aus der Londoner Bevölkerung.

Partizipative Diskurse über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Monumenten? Wie das geht, macht ein öffentliches Kunst- und Geschichtslaboratorium in Philadelphia vor: Monument Lab lädt ein zu Gesprächen und Austausch über Erinnerung im öffentlichen Raum und setzt partizipative Denkmalprojekte um. Dabei geht es sowohl um lokale Projekte in Philadelphia und anderen amerikanischen Städten wie auch um Diskurse und Debatten, die transnational geführt werden. Das Monument-Lab-Projekt „The National Monument Audit“ verfolgt eine Bestandsaufnahme aller Monumente in den USA; in einem weiteren Schritt werden zehn Feldforschungsbüros im ganzen Land ins Leben gerufen, deren Aufgabe es ist, nicht nur den öffentlichen Diskurs über die geerbten Denkmäler anzustoßen, sondern auch darüber, wie zukünftige Monumente auf Basis sozialer Gerechtigkeit, Diversität und Vielfalt gestaltet werden können. Schließlich ist die Mehrzahl der Monumente, die sich heute in unseren Städten und Kommunen befinden, in Folge autoritärer Herrschaftsverhältnisse entstanden. Damals wurden die Menschen nicht gefragt, ob sie ein Denkmal von Otto von Bismarck oder Karl Lueger befürworten oder nicht. Welche – vergangene wie heutige – Gesellschaft sollen diese von wenigen getroffenen Entscheidungen repräsentieren? Für wessen Geschichte stehen Denkmäler von mehrheitlich weißen Männern in privilegierten Positionen? Eine diverse und demokratische Gesellschaft verlangt kritische, vielstimmige und kreative Debatten über Formen und Inhalte des Umgangs mit Vergangenheit – und darüber, welche zukünftigen Erinnerungsorte wir schaffen wollen, und wer es
verdient, auf einem Podest zu stehen.

Auch hierzulande denken Kommunen über gemeinschaftlich konzipierte Erinnerungsprojekte nach und darüber, Denkmäler abzubauen, zu kontextualisieren oder neue Monumente zu errichten. Aktuell mag man besonders der von Veronica Kaup-Hasler, Wiener Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, angekündigten „Überschreibung“ des Karl-Lueger-Denkmals Glück und vor allem rasches Gelingen wünschen. Bereits 2009 schrieb die Universität für angewandte Kunst einen Ideenwettbewerb zur Umgestaltung des Denkmals aus – eine Neigung der Statue des Wiener Bürgermeisters um 3,5 Grad war der Vorschlag des Siegerprojekts. Realisiert wurde jedoch nur eine Tafel, die seitdem ein differenziertes Bild Luegers vermitteln soll – übersieht man diese, verbleibt der Politiker, der jeden Wahlerfolg seinem kruden und aggressiven Antisemitismus verdankte, als Geehrter auf seinem Podest. Vergangenen Sommer wurde das Denkmal mehrfach mit dem Wort „Schande“ besprüht, und eine Künstlergruppe initiierte eine „Schandwache“, um die geplante Reinigung des steinernen Luegers zu verhindern.

Umgestalten und umbenennen

Bis heute steht die „Schande“ auf dem Denkmal. Die Initiative #aufstehn hat ihre Forderung erneuert, den Antisemiten von seinem Podest zu heben, da seine Verdienste als Bürgermeister nicht aufwiegen könnten, „was der Hassprediger Lueger und seine Schüler langfristig angerichtet haben“. Eine von #aufstehn initiierte Expert*innenkommission empfiehlt, den ganzen Platz umzugestalten, neu zu benennen und in einen Ort der Reflexion zu verwandeln: „Aus einem Platz der Geschichtsfälschung soll ein Platz der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Gegenwart werden“, heißt es weiter. Die Neugestaltung soll in einem offenen Wettbewerb allen Kunstschaffenden zugänglich gemacht werden.

Lueger einfach zu entsorgen kommt für die Kommission übrigens nicht infrage – im Gegenteil soll der bronzene Stadtvater von einem Idol rechtsextremer Gruppen in ein Symbol des zukunftsgewandten Erinnerns verwandelt werden. Die Relevanz des Widerstandes gegen Antisemitismus, Rassismus und gruppenbezogene Menschlichkeit in der Gegenwart - nicht nur in der Vergangenheit – müsse im Vordergrund stehen. In einer paradoxen Umkehrung würde der populistische Lueger damit zu einem Mahner, der der österreichischen Politik tagtäglich vor Augen führt, welche Verantwortung sie für ihre empathielose Abschiebe- und Asylpolitik zu tragen hat.

Ursprünglich erschienen im Die Presse Spectrum.