Richard Schuberth

Warum Lueger fallen muss

2020 war das Jahr der attackierten Statuen. Im Zuge eines neuen identitätspolitischen Antirassismus entdeckten Aktivisten die Schattenseiten der Heroen auf den Sockeln westlicher Städte. Das führte zu Szenen, wie sie der zeitgeschichtlichen Erinnerung aus Osteuropa nach dem Untergang der Sowjetunion, aus dem Irak nach der US-Invasion geläufig sind: In Bristol brachten wütende Demonstranten die Statue des Philanthropen und Sklavenhändlers Edward Colston (1636–1721) zu Fall und warfen sie ins Hafenbecken – der Auftakt zu europaweiten Appellen, auch unzähligen weiteren Rassisten und Kolonialisten aus Stein und Bronze den Garaus zu machen. Dem stolzen Habitus der Statue des ebenso populären wie antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger (1844–1910) konnten diese Anfechtungen nichts anhaben. Pikanterweise schützt ihn nicht Gott, auf den er sich stets berief, sondern seine einst größte Feindin, die Wiener Sozialdemokratie.

Der sichtbare Teil des Mycels

Heftige Diskussionen über den neuen Ikonoklasmus waberten durch die Feuilletons. Auffallend war, dass die Aktivisten oft das Richtige mit falschen, ihre Gegner das Falsche mit richtigen Argumenten behaupteten. Erstere hatten vom Poststrukturalismus gelernt, die Welt der Zeichen, Symbole und Repräsentanzen der Wirkmacht der materiellen Welt für ebenbürtig zu halten. Jedoch verschwand diese immer mehr aus ihrem Fokus, weshalb sie dem Irrtum anhingen, mit der Abschaffung der Symbole würden wie bei der politisch korrekten Sprachregulierung die Missstände aus der Welt geschafft. Aber die sichtbaren Pilze von der Waldoberfläche zu rasieren lässt das Mycelgeflecht unter der Erde nicht verdorren, sondern macht Verpilzung bloß unsichtbar. Jene Denkmäler sind eben auch stets Male der einst dominanten Ideologien.
Der bilderstürmende Antirassismus indes erweist sich als ahistorisch, berücksichtigt doch sein bloß moralischer Raster nicht die Ambivalenzen und den zeitlichen Kontext der zu stürzenden Persönlichkeiten. Immanuel Kant, den Autor des „Ewigen Friedens“ als Rassisten zu verteufeln, ohne die Beschränkungen seiner Zeit mitzudenken, und Winston Churchill als den hartnäckigen Kolonialisten, der er gewiss war, dabei aber seine Rolle als führender Widersacher Hitlers zu bagatellisieren, trägt die problematische Tendenz in sich, hinter dem Slogan der „multidirektionalen Erinnerung“ Aufklärung als westlichen Herrschaftsdiskurs und Antifaschismus als eurozentrische Erzählung zu delegitimieren.
Liberale und konservative Kritiker führen gegen die Denkmalstürmer gerne das Argument des historischen Kontexts ins Feld, und versuchen damit nur zu oft die versteckten und offenen Kontinuitäten eines solchen Kontexts zu verwischen. Ich plädiere dafür, jeden Einzelfall gesondert zu betrachten, wann also der Denkmalsturm zu Recht geschieht, wann eine erläuternde Plakette oder eine künstlerische Intervention lehrreicher wäre, und wann der Mist einfach weggehört. Der Mist auf dem Karl-Lueger-Platz samt dem Namen des Platzes zum Beispiel gehört auf jeden Fall weg.
Nun ist der Ruf nach der Demontage des Lueger-Denkmals in Wien ebenso wenig neu wie dessen Nichtbeachtung. Keine der bislang erfolgten Evaluierungen kommt in ihrem Sachgehalt so nahe an die Wahrheit heran wie das Graffito, das beständig den Sockel ziert: Schande.

Trittbrettfahrer der Modernisierung

Die Verteidiger des Denkmals, wozu in Wien auch die sozialdemokratische Stadtregierung zählt, wissen genau, wessen Andenken sie schützen, und rechtfertigen das mit der großen Popularität, die Lueger, Bürgermeister Wiens von 1897 bis 1910, zu Lebenszeiten genoss, sowie seinen kommunalen Verdiensten. Auch der Holocaustüberlebende und Antifaschist Serge Klarsfeld wimmelte letztes Jahr eine Unterstützungserklärung zur Demontage des Denkmals mit dessen positiven Initiativen ab.
Das entspricht der allgemeinen Auffassung, die durch Repetition um nichts richtiger wird. Ohne die beachtliche Initiative des Karl Lueger als Bauherr und Modernisierer schmälern zu wollen, erwies er sich doch als nicht mehr, aber auch nicht weniger denn als Manager der Fortschrittsschübe seiner Zeit. Elektrifizierung der Straßenbahnen lag im internationalen Trend, lange vor Wien fuhren in Prag, Sarajevo und Lemberg Garnituren mit Oberleitung. Desgleichen die Errichtung von Altenpflegeheimen und Spitälern. Und entgegen der landläufigen Überzeugung, Wien verdanke das „gute Wasser“ dem Lueger, hat dieser mit der II. Wiener Hochquellwasserleitung bloß die wahre Pionierleistung von 1873 ergänzt, die Wien dem liberalen Bürgermeister Cajetan Felder, mehr noch dessen wissenschaftlichem Berater, Eduard Suess, verdankt. Suess‘ Präsidentschaft der Akademie der Wissenschaften deckte sich zeitlich mit Luegers Amtszeit, zu welcher der verdiente Geologe in aller Welt Ehrungen erhielt. Außer in seiner Heimatstadt. Als Jude, Liberaler und Wissenschaftler verkörperte Suess eine dreifache Zielscheibe für Luegers Partei, die Christlichsozialen. Niemals zuvor, und bis zu den Nazis auch danach wogte eine solche Intellektuellenfeindlichkeit durch Wien wie zu Zeiten Luegers. Geschürt wurde sie vom angeblichen Modernisierer selbst, der in seinen Reden dafür sorgte, dass Professor zum beliebten Schimpfwort wurde.
Auch die Kommunalisierung des Straßenverkehrs und der Elektrizitätsversorgung war eine allgemeine Entwicklung, mit welchen bürgerlich-populistische und nationalistische Parteien zwischen Kapitalismus und Sozialismus lavierten. Wir wissen nicht, wie sich das Gepräge Wiens um 1900 unter einer sozialdemokratischen oder liberalen Regierung verändert hätte. Die immer stärker werdende Sozialdemokratie wurde durch Beibehaltung des Zensuswahlrechts und Verhinderung eines allgemeinen Wahlrechts in Wien konsequent von der politischen Partizipation ausgeschlossen. Seinen Erfolg verdankte Lueger der Öffnung des Kurienwahlrechts nach unten für mittelständische Unternehmer, Handwerker und Geschäftsbesitzer, durch die Wahlberechtigung volljähriger Männer, die eine Steuerleistung von mindestens 5 Gulden erbringen konnten. Auf den Schultern dieser „5-Gulden-Männer“, wie man sie nannte, und dem Auftrieb seiner Ressentiments ließ sich Lueger ins Rathaus tragen. Seinen Erfolg verdankte er nicht den Proletariern, denen er Faulheit und Aufwiegelei vorzuwerfen pflegte, sondern bestimmten Segmenten des Kleinbürgertums. Lueger bedankte sich bei diesen, indem er ihre Vorurteile weiter beständig fütterte: den Hass auf Juden, Liberale, Sozialisten und Gebildete.
Ein nüchterner Blick auf die Stimmenverhältnisse der Bürgermeisterwahl von 1895 nimmt Luegers Reputation als Liebling des Volkes einiges an Glanz. Mit seiner „Antiliberalen Wahlgemeinschaft“, bestehend aus Christlichsozialen und Deutschnationalen (auch Partei der Antisemiten genannt) konnte er von circa 70.000 Wahlberechtigten 42.700 Stimmen erwerben. Das waren allerdings nicht mehr als drei Prozent der ca. 1,5 Millionen Einwohner Wiens.
So er ein Denkmal verdient, dann als PR-Genie. Seine Beliebtheit wurde den Wienern durch eine nie zuvor gesehene Propagandamaschine suggeriert. Claqueure animierten echte Klatscher. Kein Politiker zuvor hatte sich durch so viele Gedenktafeln verewigt. Niemand kannte die Namen der Ingenieure, Künstler, Stadtplaner, Maurer und Hilfsarbeiter, aber jeder wusste, dass das jeweilige Objekt unter seiner Regentschaft erbaut wurde. „Warum sollen wir heute noch einem Wiener Politiker im Stadtbild von Wien größere Dankbarkeit bezeugen als allen anderen verdienten Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern, denen vereinzelt nur kleine Sackgassen gewidmet sind?“, fragte Gerald Krieghofer 2013 in der Presse. Ein zeitgenössisches Satireblatt persiflierte Luegers Eigenwerbung. Es zeigte ein Elefantenbaby im Schönbrunner Zoo mit der Plakette „Geworfen unter Bürgermeister Dr. Karl Lueger“.
Sein Parteifreund Prälat Josef Scheicher attestierte ihm „Cäsarenwahn und Menschenverachtung“. Lueger habe „eine geradezu kindliche Freude gehabt, wenn ihn die Potentaten dieser Erde mit dem Kinderspielzeuge möglichst vieler Mascherln und Banderln behängten.“ Der Junggeselle und Gegner des Frauenwahlrechts wusste viele Frauen für sich zu gewinnen, die dann in den Frauenverbänden der Partei für ihn agitierten, und nannte sie despektierlich „meinen Harem“. Was bei seiner Stammwählerschaft gut ankam, sorgte in anderen Gesellschaftskreisen für Kopfschütteln. Ein Zeitzeuge: „Aber mit welchem Behagen verweilte er in den Niederungen volkstümlicher Gemeinplätze und seichter Witze! (...) Die Leitung eines Architektenkongresses beglückwünschte er zur Wahl des Versammlungsortes, weil – die Wienerinnen ,gut gebaut‘ seien.“
Karl Lueger nahm der Parteibuchwirtschaft ihren klandestinen Charakter, indem er offen bekannte: „„Verantwortlich bin ich nur meinen Wählern, verantwortlich nur jenen Gemeinderäten, die mir ihre Stimme gaben.“ Er ließ die Aufnahme von Anhängern seines deutschnationalen Widersachers Schönerer sowie von Sozialdemokraten und Menschen jüdischen Glaubens in den öffentlichen Dienst verbieten und verweigerte ihnen die gemeindeeigenen Schulturnplätze.

Wer Jud is, bestimm i

Richard Sennett hatte den britischen Politiker John Wilkes (1727–1797) als frühen Prototypen des modernen Populisten bestimmt. In Lueger aber erfuhr der Populismus, imprägniert von Wiener Lokalkolorit, seinen ersten Höhepunkt – durch die Synergie von stets abstiegsgefährdeten Kleinbürgern, deren Dünkel und Wunsch nach Personalisierung auf der einen, und eines Zynikers auf der anderen Seite, der es mit dem Kapital hielt, gegen das er wetterte, und sich die Herzen nicht durch Sachpolitik, sondern intensivierte Hetze erschlich. Friedrich Austerlitz, langjähriger Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung, vermerkte in seinem Nachruf auf den Bürgermeister: „Vielleicht ist jene Popularität Luegers gar nicht die Sache, auf die Wien stolz sein darf. Denn Luegers Leben war von einer einzigen Sache erfüllt: dem Willen zur Macht.“ – Es sei eine „krankhafte Suggestion“ gewesen, die „eine große Stadt zum Piedestal des Ehrgeizes einer Person entarten läßt.“
Auch Felix Salten verfasste ein Epitaph auf ihn: „Er zeigt, wie schlecht die Gebildeten das Regieren verstehen. Er, ein Gebildeter, ein Doktor, ein Advokat, zerfetzt die Ärzte, zerreißt die Advokaten, beschimpft die Professoren, verspottet die Wissenschaft; er gibt alles preis, was die Menge einschüchtert und beengt, er schleudert es hin, trampelt lachend darauf herum, und die Schuster, die Schneider, die Kutscher, die Gemüsekrämer, die Budiker jauchzen, rasen, glauben das Zeitalter sei angebrochen, das da verheißen ward mit den Worten: selig sind die Armen im Geiste. Er bestätigt die Wiener Unterschicht in allen ihren Eigenschaften, in ihrer geistigen Bedürfnislosigkeit, in ihrem Mißtrauen gegen die Bildung, in ihrem Weindusel, in ihrer Liebe zu Gassenhauern, in ihrem Festhalten am Altmodischen, in ihrer übermütigen Selbstgefälligkeit; und sie rasen, sie rasen vor Wonne, wenn er zu ihnen spricht.“
Auch der junge Adolf Hitler, obgleich Anhänger des Deutschnationalen Schönerer, konnte sich diesem Sog, der „Brandfackel des unter die Masse geschleuderten Wortes“ nicht entziehen. Jede Propaganda, so Hitler in Anspielung auf Lueger, müsse sich einstellen auf die „Aufnahmefähigkeit der Beschränktesten unter denen, an die er sich zu richten gedenkt... Je bescheidener .. ihr wissenschaftlicher Ballast ist, und je mehr sie ausschließlich auf das Fühlen der Masse Rücksicht nimmt, umso durchschlagender der Erfolg.“
Das universelle Feindbild, auf das der „Volkskaiser“ setzte, entsprach dem Zeitgeist. Seit ca. 1880 war der Antisemitismus in ganz Europa als probater Blitzableiter diverser Moderninsierungstraumata zur Massenströmung geworden, Lueger aber verlieh ihm eine Totalität als Breitbandantibiotikum gegen nur jeden erdenklichen Missstand. Hatten im neueren Antisemitismus die Juden bei allen Übeln ihre Finger im Spiel, so erklärte er alle Übel zu jüdischen Eigenschaften. Presse, Liberale, Intellektuelle und Professoren, den Kapitalismus, den Sozialismus, die Migrantenplage, alle punzierte er als Ausdruck des Jüdischen.
Als Hitler nach Wien kam, war sein Deutschnationalismus stärker ausgeprägt als sein Antisemitismus. Über das „Deutsche Volksblatt“, das Luegers Linie unterstützte, schrieb er zum Beispiel: „Mit dem scharfen antisemitischen Ton war ich nicht einverstanden, allein las ich auch hin und wieder Begründungen, die mir einiges Nachdenken verursachten.“
Das Feuer des Antisemitismus hätte in Wien nicht so hell gelodert, hätten Lueger und seine Parteifreunde nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit Öl hineingegossen. Nicht nur in Bierzelt und Heurigen, auch im Reichsrat wurde mit der Idee der physischen Vernichtung der Juden gespielt. Was sich selbst bloß augenzwinkernd als demagogischer Theaterdonner verharmlosen wollte, war die adäquate Einstimmung auf ganz konkrete politische Ziele, allen voran die Rücknahme der Emanzipation der Juden von 1867, „damit Gesetze zur Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden, zu Konfiskation der Judengüter und Austreibung der Juden zustande kommen“.

Ein blutiger Gspaß

Die von Lueger favorisierten Fleischer und Bäcker trieben die Lebensmittelpreise hoch, sodass die Sozialdemokraten eine eigene Bäckergenossenschaft ins Leben riefen, deren billigeren Semmeln auch der junge Hitler den Vorzug gab. Schuld an der Teuerung mussten jedenfalls die Juden sein. Der „Judenschwindel“, mit dem Luegers Parteifreund Josef Gregorik die hohen Getreide- und Düngemittelpreisen erklärte, wofür er auch prompt eine Lösung parat hatte (die von seiner Fraktion im Reichsrat mit polterndem Gelächter goutiert wurde): „Ich würde es gerne sehen, wenn die ganzen Juden in Kunstdünger vermahlen würden... Es würde mich das sehr freuen. (...) Wenn Sie jetzt hingehen und hängen 3000 Börsejuden heute noch auf, haben Sie morgen das Getreide billiger. Tun Sie das, es ist die einzige Lösung der Brotfrage.“ Der Christlichsoziale Ernest Schneider schlug vor, alle Juden auf Schiffe zu pferchen und auf hoher See zu versenken, „wenn nur gewiß sei, daß der letzte Jude ertrinkt“.
Lueger indes affirmierte die von prominenten Geistlichen in seinem Dunstkreis wiederaufgenommenen Rituamordlegenden. „Es kommt vor“, verkündete er im Reichsrat, „daß die Juden Blut entgegen ihrem Verbote gebraucht, beziehungsweise sich mit Blut befleckt haben. Was früher geschah, kann das auch nicht jetzt geschehen?“ Hier artikulierten sich nicht bloß radikale Provokationen des rechten Parteirands, von denen sich der gutmütige Parteichef mäßigend distanzierte, er selbst war der Motor dieses nicht nur allegorischen Spiels mit dem Pogrom. Als ein liberaler jüdischer Abgeordneter im Reichsrat gegen die antisemitische Volksverhetzung protestierte, witzelte Lueger, der Antisemitismus werde „zugrunde gehen, aber erst dann, wenn der letzte Jude zugrunde gegangen ist.“ Was in der Reichshauptstadt als angeblich folgenlose Gaudi inszeniert wurde, führte in Prag und in der osteuropäischen Peripherie zu tätlichen Ausschreitungen gegen die jüdischen Gemeinden, nachdem christlichsoziale Blätter dort immer wieder explizit zum Judenmord aufgerufen hatten.
Das historische Gedächtnis exkulpiert Lueger durch Verweis auf die Spezifika der Wiener Mentalität. Folglich wäre Lueger ein begnadeter Aufschneider, ein Schaf im Wolfspelz gewesen, dessen augenzwinkernde Judenhetze bloß ein Spiel mit seinen Anhängern gewesen sei und dessen eingeschüchterten Opfern man kumpelhaft vorwerfen könne, sie verstünden keinen Spaß.
Gegenüber dem liberalen Statthalter von Niederösterreich Graf Kielmannsegg bekannte Lueger, der Antisemitismus sei „für ihn nur ein massenköderndes Schlagwort, er selbst achte und schätze viele Juden und werde keinem je geflissentlich Unrecht tun.“ Gegenüber dem besorgten jüdischen Abgeordneten Dr. Benno Straucher versicherte er: „Gengen S’, das Wiener Volk ist ein derart gemütliches, dass es sich zu wirklichen Ausschreitungen gegen Juden nicht hergeben wird.“ Entgegen der Wiener Mentalität, welche die Diskrepanz von Wort und Tat als besonders bewunderungswürdige Hinterfotzigkeit feiert, fand Sigmund Mayer, ein angesehenes Mitglied der Jüdischen Kultusgemeinde, die Worte: „Dem Manne fehlt eben jenes Primitivste, das den Menschen erst zum Charakter macht, die Ehrlichkeit. Seine antisemitische Gesinnung war stets und ganz und gar Heuchelei.“ Mayer scheute nicht, es Lueger ins Gesicht zu sagen: „Nicht daß Sie Antisemit sind, werfe ich Ihnen vor, sondern daß Sie es nicht sind.“ Auch Arthur Schnitzler befand: „Mir galt gerade das immer als der stärkste Beweis seiner moralischen Fragwürdigkeit.“
Es ist letztlich unerheblich, wie sehr der populistische Führer an die Inhalte seiner Agitation glaubt, es reicht, dass es seine Anhänger und Weggefährten tun. Lueger scheuchte dem ohnehin erstarkten Antisemitismus unzählige Novizen zu, fächelte der antisemitischen Flamme unablässig Luft zu, fuchtelte mit Fackeln vor den Judenvierteln, und dann jonglierte er mit ihnen, sobald man ihn darauf festzumachen versuchte, als sei das alles nur Show. Er erwies sich als der bürgermeistergewordene Transmissionsriemen zwischen dem alten religiösen Antijudaismus, der die Juden als kulturell und konfessionell Fremde markierte, und dem modernen Antisemitismus, dem der Jude als Projektionsfigur allen Unheils gerade durch seine Assimilierung nicht entkommt.
Ein Makel, und hierin war Lueger doch Antisemit alter Schule, der sich durch Konversion leicht beheben ließ. Lueger war judenfeindlich, aber kein Rasseantisemit, deutsch, aber nicht deutschnational. Tschechen und andere Minderheiten waren durch Christentum und Anpassung an eine Deutsch-Wiener Identität willkommen.
Der Kulturhistoriker Albert Fuchs resümierte, „die Verrohung mancher Volksteile, die durch seine Hetze herbeigeführt wurde“, sei „eine der Vorbedingungen für den Masseneinfluß, den nachmals der Nationalsozialismus in Österreich gewann“, gewesen. Und immerhin beschwor er mit seiner Entmenschlichung der Juden noch das Drohbild übermächtiger Bestien herauf: „Was sind Wölfe, Löwen, Panther, Leoparden, Tiger, Menschen“, polterte er in seiner berühmten Reichstagsrede von 1890, „gegenüber diesen Raubtieren in Menschengestalt?“ Die Metamorphose vom gefürchteten Raubtier zur Parasitenplage zeigt das erstarkte Selbstbewusstsein der Antisemiten an, deren Ermächtigung das größte bleibende Verdienst des Karl Lueger darstellte.

Mehr als nur launige Drohung

Kritischere Einschätzungen Luegers als diejenigen der Denkmalschützer einigen sich darauf, seine theatralische, aber nicht ernst gemeinte Hetze als zu Lebzeiten folgenlose Vorbereitung der späteren Nazipogrome zu verorten. Felix Salten schien mehr zu wissen über die konkreten Auswirkungen von Luegers Demagogik, denn dass in Wien nicht so heiß gegessen wie gekocht wird, nützt den Verkochten wenig. „Die breite Masse der Kleinbürger“, so Salten, „aber irrt führerlos blökend wie eine verwaiste Herde durch die Versammlungslokale. Und alle sind von der österreichischen Selbstkritik, von der Skepsis, von der österreichischen Selbstironie bis zur Verzagtheit niedergedrückt. Da kommt dieser Mann und schlachtet – weil ihm sonst alle Künste misslingen – vor der aufheulenden Menge einen Juden. Auf der Rednertribüne schlachtet er ihn mit Worten, sticht ihn mit Worten tot, reißt ihn in Fetzen, schleudert ihm dem Volk zum Opfer hin. Es ist seine erste monarchisch-klerikale Tat: Der allgemeinen Unzufriedenheit den Weg in die Judengasse weisen: dort mag sie sich austoben.“ Abgesehen davon, dass die Berufsverbote für Juden im öffentlichen Dienst sehr wohl existenzbedrohende politische Taten waren, tobte sich die Menge bereits während Luegers Wahlkampf in der „Judengasse“ aus.
Das Magazin Freies Blatt. Organ zur Abwehr des Antisemitismus, das dem von Bertha von Suttners Ehemann Arthur Suttner mitbegründeten „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ nahe stand, dokumentierte in der Ausgabe vom 21. Juli 1895 akribisch die Ausschreitungen des christlich-sozialen Mobs gegen Juden und linke und liberale Gegner des Antisemitismus. Misshandlungen von Juden und anderen fanden unter anderem in Klosterneuburg, in Wien im Café Salzgries und – in der Judengasse statt. Und dort wie an etlichen anderen Plätzen war es, „nur der Umsicht der Polizei (...) es zu danken, daß die verhetzten und mit Freibier bezechten Kumpane den vor dem Versammlungslocale ausgegebenen Schlachtruf ,Schlagt’s die Juden todt!‘ nicht sofort verwirklichten“.

Fazit

Über alle Anfechtungen erhaben prangt das 1926 eingeweihte Denkmal, das in seinem operettenhaften Jahrhundertwendenpathos selbst einer Persönlichkeit, die ein Denkmal verdiente, zur Schande gereichte. Lediglich die heroisch-muskulösen Arbeiterfiguren am Sockel samt der stillenden Mutter und dem hilfsbedürftigen Greis, als Symbole für alle, die in Luegers Wien malochen, aber nicht wählen durften, und die ihn wohl auch nicht gewählt hätten, entsprechen dem nicht minder bedenklichen Zeitgeist der 1920er-Jahre und repräsentieren die Schnittmenge zwischen sozialdemokratischer und faschistischer Ästhetik. Die Verherrlichung des entpersönlichten Menschen als werteschaffenden Funktionsträgers und Muskelfunktion, von kreatürlicher Stumpfheit, austausch- und am Bau wie an der Front vernutzbar.
Bei aller Kritik des neueren identitätspolitischen Ikonoklasmus wäre das ausnahmslose Auszupfen bedenklicher Stein- und Bronzehelden zumindest eine Präventivmaßnahme gegen das größere Übel: die sogenannte künstlerische Intervention. Für politische Verantwortungsträger mag sie zwei Fliegen auf einen Schlag bedeuten: sich durch Förderung der Künste Selbstabsolution erteilen, indem man wieder ein paar leidlich talentierten Kunstuniabsolventen die fürstlich subventionierte Gelegenheit gibt, den obligatorischen politischen Aktivismus in die Vita zu gravieren, und sie die verpönten Denkmäler mit ihrer Objektkunst dekorieren lässt wie Christbäume. Allein die Interventionsversuche gegen das Mal des feschen Karl offenbaren die Dürftigkeit dieser Versuche, mit Spatzen auf Kanonen zu schießen. Schon 2009 machte sich die Universität für angewandte Kunst darüber Gedanken, wie man es kritisch verschönern könne, ohne es zu Fall zu bringen. Sinnigerweise ging der Lorbeerkranz an die Idee, die Statue um 3,5 Grad zu neigen, und zwar nicht in irgendeine Richtung, sondern – man hatte sich vorher in die Biografie Luegers eingelesen – nach rechts. Erfahrungsgemäß neigen sich solche Künstler in Folge selbst nach rechts, selbst wenn sie dabei nur in liberale Mittelmäßigkeit kippen.
Die aktuelle Installation „Lueger Temporär“ von Six und Petritsch hat bereits Weihen und Förderungen der Stadt Wien. Ein fröhlich buntes Gestänge, man weiß nicht, ob es das Gerüst einer Hochschaubahn oder bloß den steigenden Kurs der Aktien österreichischer Energieanbieter nachempfinden soll; der fesche Karl scheint jedenfalls ziemlich unbeeindruckt zu sein von der Bastelstunde, mit der man ihn kontextualisieren wollte. Nicht dass künstlerische Interventionen nicht brillant sein könnten, sie sind es selten, und zumeist schon kunsthandwerkliches Dekor, bevor ihre Institutionalisierung ihnen die Subversion ausdampft. Im schlimmsten Fall wird alsbald eine künstlerische Verfremdung in der öffentlichen Wahrnehmung zu jedem Kriegerdenkmal gehören wie die Heiligen Drei Könige zur Krippe.
Der beharrlichen Weigerung der stets sozialdemokratischen Stadtregierung, diesen miesen Populisten, Judenhetzer und Verächter der Sozialdemokratie aus dem Stadtbild zu entfernen, mögen tiefere, uneingestandene, vielleicht auch unverstandene Motive zugrunde liegen. Kritische Sozialdemokraten wie Friedrich Austerlitz fanden klare Worte für den Volkskaiser, andere, gar nicht wenige Sozialdemokraten erlagen früh seinem Charme, beneideten ihn um das, was Gramsci kulturelle Hegemonie nennen würde. Es war ein sozialdemokratischer Bürgermeister, Ignatz Seitz, der das Denkmal 1926 einweihte. Und der durchaus populistische Bürgermeister Helmut Zilk schmückte sein Büro mit Luegers Stuhl in einer Glasvitrine. Unter Helmut Zilk wurde nicht nur manch ein Elefantenbaby geworfen, sondern auch der Touristenslogan „Wien ist anders“ in Umlauf gebracht.

Wiener Windig- und Grindigkeit

Lueger ist mehr als nur eine umstrittene Figur. Mit der Statue würde sich Wien seinen Seinsgrund ausreißen, sie ist der Nabel, in dem alle ihre Mentalitätsfäden zusammenlaufen. Die Stadt Wien will nicht bloß Ärger mit den Rechten vermeiden noch einem Antisemiten huldigen, sondern ihren wahren Schutzpatron. Und das ist nicht der Liebe Augustin, jener fidele Dudelsackspieler, der im späten 17. Jahrhundert totgeglaubt aus der Pestgrube kroch und den Wiener Gleichmut verkörpert, sondern der Lueger Karl, der Schutzpatron Wiener Windig- und Grindigkeit, jenes Relativismus, dem man von der Postmoderne nichts zu erzählen brauchte, weil der Wiener die Kunst, vieles zu sagen und nichts zu meinen, immer ein paar Schritte zur Seite zu tänzeln, wenn man ihn auf etwas festnageln will, und nach den barbarischsten Exzessen noch zu meinen, es sei nur ein Schmäh gewesen, zu seinem unausrottbaren Wesensmerkmal auserkoren hat, und auch einer nominell linken Partei nicht abhanden kommen soll, die sich alle Optionen offen halten will: wirtschaftsliberale wie rechtspopulistische Charaden.

Dieser Essay erschien erstmals im Mai 2023 im Merkur.