Haider will nicht die empörenden Zustände abschaffen, sondern über die von diesen Zuständen hervorgerufene Empörung an die Regierungsmacht kommen. Es geht ihm nicht darum, den Unzufriedenen zu helfen, sondern sich ihrer Unzufriedenheit zu bedienen. Haiders Plan ist nicht das eigene Aktivwerden der Menschen, genauer gesagt sogar: das eigene Nichtaktivwerden der Menschen! Seine Bühnenshow „Tour 94“ (z.B. Innsbruck Landhausplatz, 27.9.94) hat gezeigt, was er von den Leuten braucht: Von einer überhöhten, entrückten Bühne hinter einem abgesperrten Bühnenvorraum herunter wird in Richtung Zuhörer geballert, mit einer alles zudeckenden Lautstärke, immer nur in die eine Richtung. Das gleichzeitig dazu ablaufende Video auf der riesigen Leinwand, auf die alle starren, vermittelt das erdrückende Gefühl von Unaufhaltbarkeit. Was als Reaktionsmöglichkeit bleibt, ist Beifall. Was tut Haider mit dem berechtigten Protest der Masse, an deren Spitze er sich stellt? Er peitscht ihn auf und kanalisiert ihn — statt gegen die Verhältnisse — gegen Personen, die ihm im Wege stehen, und bricht damit der Rebellion die Spitze. Er appelliert nie an die eigene Stärke der Massen! Wenn es, wie im Juni 1991 in Klagenfurt, eine Haider-Demonstration gibt, dann ist es eine als Huldigung an ihn. Von einer kraftvollen Bewegung will er nur den Anschein. In Wahrheit ist er der große Auseinanderdividierer der Leute, der Egoisierer, der größte Feind des Kollektivs. Und sichert damit eben gerade das bestehende System ab. Die empörten Leute tun viel mehr für Haider als er für sie. Von davongejagten Ruhaltingern und Rechbergern haben sie rein garnix. Er schon. Haider spult seine Reden herunter, durchsetzt mit 25 „meine Damen und Herren“ und 19 „liebe Freunde’. Nie fordert er die herbeigeströmte Menge von Damen, Herren und lieben Freunden auf, selbst zu handeln und die dargestellten Probleme selbst zu lösen. Nein, bloß wählen solle man ihn am soundsovielten März und am soundsovielten Oktober. „Helfen Sie uns und ich verspreche Ihnen, daß wir Sie nicht enttäuschen werden.“ (Haider in Hall, 19.9.90)
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Markus Wilhelm: Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.
Dezember 1995
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