Elisabeth Reichart

Inmitten des Wahns

Rede der Schriftstellerin Elisabeth Reichart, die sie am 5. September zur Eröffnung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ in Klagenfurt gehalten hat.

Obwohl ich mich seit dem Studium mit dem Nationalsozialismus beschäftige, seine Auswirkungen auf unsere Gegenwart ein Hauptthema meines Schreibens ist, hatte ich Angst vor diesen Photos. Wie ich immer Angst hatte vor Photos aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ich erwarte, das Gesicht eines der Männer zu sehen, unter denen ich aufgewachsen bin. Obwohl ich weiß, meine Großväter waren nicht im Zweiten Weltkrieg, waren keine Nazis.

Was meine Onkeln taten, weiß ich nicht. Mein Vater war ein Kindernazi und laut seinen Worten die letzten Kriegsjahre zur Ausbildung in Norddeutschland. Er wollte zur Marine, und anscheinend wurde ihm dieser Wunsch erfüllt. Aber das Mißtrauen den Worten gegenüber, sobald es um diese Zeit geht, sitzt tief, kommt aus dem unsäglichen Schweigen, in dem ich mich allein zurechtfinden mußte.

Ich hatte noch nie Angst, den Namen oder das Gesicht eines Opfers von alten Photos wiederzuerkennen. Von den Opfern war nie die Rede.

Ansonsten: Den Krieg hatte es gegeben, und er war schlecht. Außerdem hatte ihn niemand gewollt. Das Wort Befreiung existierte nicht. Wir hatten den Krieg verloren. Mit Verlierern können die Sieger machen, was sie wollen. Es gab die guten „Besatzer“, das waren die Amis, die uns halfen. Und es gab die schlechten „Besatzer“, das waren die Russen, die uns alles nahmen, weshalb auch die militantesten Antikommunisten für eine Verstaatlichung im großen Umfang eintraten, um die „deutschen“ Betriebe vor der Sowjetunion zu retten. Der Völkermord in der Sowjetunion durch die deutsche Wehrmacht, die SS usw., diese Voraussetzung der Anwesenheit der Truppen und ihres Verhaltens wurde nicht benannt.

Es gab die guten Menschen, das waren die Österreicher, die von dem bösen Menschen, das war Hitler, verführt worden waren, was zumindest Hitler nicht daran gehindert hatte, als österreichischer Katholik aufzuwachsen. Noch schlechter als der Krieg, aber grotesker Weise auch gefährlicher, war die Politik. Die Erwachsenen taten, als hüteten sie ein Staatsgeheimnis, wenn es darum ging, wen sie wählten. Über den Ursprung dieser Angst sagten sie nichts.

Ich erinnere mich an keine Kriegsberichte, nur an Erzählungen über die Kriegsgefangenschaft. Offenbar waren alle in Gefangenschaft. Eine zweischneidige Sache, mit der sie indirekt mehr ausdrückten, als sie wollten. Damals verfügte ich noch nicht über den gespaltenen Blick auf ein Wort, fehlte mir nur, vertraut mit den Mechanismen der Strafe, die Tat, die es zumindest für die Bestrafer geben mußte. Aber da ich nicht mitreden durfte, blieb ihr Geheimnis gewahrt. Wie sie auf ihrer abenteuerlichen und wie vom Himmel auf sie gefallenen Kriegsgefangenschaft bestanden, bestanden sie darauf, daß ich unter ihren unreflektierten Erfahrungen litt. Diese Menschen ertrugen es nicht, wenn ich mich wehrte. Sie waren unfähig, Unrecht einzusehen. Wenn ich es benannte, war ich die Böse. Sie waren autoritätsgläubig bis zur Selbstverleugnung, und es machte sie verrückt, wenn ich diesen Glauben nicht teilte. Dabei waren die Autoritäten inzwischen Priester, Ärzte, Lehrer oder Direktoren, keine wirklich Mächtigen mehr. Als Kind war ihre Angst meine. Später stellte ich ihr Verhalten, das für mich ohne geschichtlichen Hintergrund war, und das sie mir als meines vorschrieben, in Frage. Doch zugleich blieb ich ihr Produkt. Es dauerte sehr lange, bis ich den Mut fand, Unzumutbares abzulehnen, nein zu sagen, um Hilfe zu bitten, einen Zwiespalt auszuhalten, anstatt ihn mit einem Entweder-Oder zu ersticken. Verantwortung für mich zu übernehmen, tolerant zu sein.

Ich gehe davon aus, daß mein Vater kein Kriegsverbrecher war und die meisten der Männer, die ich als Kind kannte, ebenfalls nicht. Alles, was sie an mich weitergegeben haben, spricht für diese Vermutung. Sie lehnten all das in mir ab, was sie in sich unterdrückt hatten, aber nicht mich. Wie aber kehrten die Männer heim, die sie in dieser Ausstellung sehen werden? Die sich mit einem Erhenkten photographieren ließen, die Frauen und Kinder erschossen? Denn wenn auch die verbrecherischen Befehle an die Truppe ergingen, so waren es doch einzelne Individuen, die sie ausführten. Der einzelne hat gemordet. Niemand hat es für ihn getan. Und er hat keinen Gebrauch gemacht von der Möglichkeit, nicht zu morden. Er hätte sich in eine andere Truppe versetzen lassen können, es wäre ihm, entgegen aller anderslautender Rechtfertigungen, nichts passiert, hätte er sich an der Ermordung der Juden nicht beteiligt. Die nationalsozialistische Führung war absolut sicher, genügend Freiwillige für ihre Mordpläne zu finden. Und so war es auch.

Eines wird uns, so ungern wir uns dessen bewußt sein mögen, durch diese Ausstellung wieder deutlich: Jeder Soldat kann beim entsprechenden Befehl zum ganz gemeinen Mörder an unbewaffneten Menschen werden, sogar an Kindern. Dies ist der wunde Punkt schlechthin. Denn trotz dieses Wissens hat kein Land der Welt sein Militär abgeschafft, im Gegenteil, nach 1945 wurde mehr aufgerüstet als je zuvor, und selbst in Österreich werden die Stimmen lauter und lauter, die sich nicht mehr mit „unserem“ Heer begnügen, sondern die endlich in ein großes, mächtiges militärisches Bündnis aufgenommen werden wollen. Es liegt an uns, ob wir uns einreden lassen, dies sei zu unserem Schutz. Trotz der Erfahrung mit der deutschen Wehrmacht wurde nach 1945 nirgendwo auf den absoluten Gehorsam beim Militär verzichtet, werden weiterhin junge Männer, die keiner Standardausführung Mensch entsprechen wollen, gebrochen, sodaß der Satz, „ich habe nur Befehle ausgeführt“ immer noch in den Fragen mündet: Seit wann ist es ein Verbrechen, Befehle auszuführen? Seit wann ist es eine Tugend zu rebellieren?

Kann sich ein bewaffneter Mann von einem unbewaffneten Kind wirklich bedroht fühlen? Was kann ein Mann, der ein Kind erschoß, seinem Kind vermitteln? Meiner Meinung nach nur, daß es nichts wert ist. Etwas wie dich, könnte er sich denken, würde er denken, habe ich wegen weniger als deinem stundenlangen Schreien getötet. Er denkt es nicht, er vermittelt es mit seiner Haltung. Das Kind nimmt die Haltung auf, doch da es unerträglich ist, sich selbst als Laus zu empfinden, die jederzeit zertreten werden kann, wird dieses Kind, falls es seine Kindheit überlebt, als Erwachsener sein Nichtigkeitsgefühl lieber auf andere projizieren als seinen Wurzeln in sich nachzuforschen.

Es fehlt inzwischen die Erinnerung daran, was eine verbrecherische Politik jedem einzelnen und in jedem einzelnen anrichtet. Dem einzelnen kann nur die Literatur nach-denken. Es kommt nicht von ungefähr, daß man uns SchriftstellerInnen in letzter Zeit wieder zu diffamieren beginnt.

Heute ist die Verachtung der Menschen kein Privileg der Wehrmacht oder der Nazis mehr, sondern sie beherrscht Männer weltweit. Ich weiß nicht, ob die Hälfte von ihnen oder zwei Drittel, und ich bestreite nicht, daß es diese Menschenverachtung auch bei Frauen gibt, und vielleicht gibt es sie bei ihnen nur seltener, weil sie weniger Geld und Macht haben. Doch es ist beunruhigend genug, daß Frauen diese Verachtung wieder mehr als früher akzeptieren, ja es fehlt nur noch, daß sie den Männern glauben, daß diese mehr wert sind als sie selbst.

Tatsache ist, daß Männer Sextouristen sind und immer jüngere Mädchen wollen, weil sie in ihrer grenzenlosen Dummheit glauben, 6jährige könnten noch nicht aidsinfiziert sein. Sogar um ein Kondom zu verwenden, sind sie sich zu schade, das ist doch der Hintergrund dieser für die Kinder tödlichen Arroganz. Zugleich werden in den ärmeren Ländern mehr und mehr Kinder entführt für Organentfernungen. Oder Augen. Augen stehen besonders hoch im Kurs. Und wer ist der größere Menschenverachter: Der Entführer des Kindes oder der Arzt, der die Augen transplantiert? Und wie ist es mit den Genmanipulationen, der Herstellung des perfekten Menschen, wer immer dieser sein wird? Sicher ist nur, daß alle, die nicht perfekt sind, dann keine Lebensberechtigung mehr haben werden. In welch einem Wahn leben diese Forscher, und was vermitteln sie uns bereits heute: daß wir eine reparaturbedürftige Maschine sind, durchschaubar von einigen Wissenschaftsgöttern, die nun bereit sind, unsere Schwächen und Anfälligkeiten gegen bessere Ersatzteile auszutauschen. Unter solchen Wahnkonstrukten sollen wir uns daran gewöhnen, daß Behinderte, Alte und unheilbar Kranke wieder einmal „unwertes“ Leben sind, die nur Geld kosten. Und alt sind wir immer früher. Mit vierzig zählen wir auf dem Arbeitsmarkt zum alten Eisen, die Aussichten, eine Stelle zu bekommen, sinken mit jedem Lebensjahr. Hier handelt es sich nicht um Notwendigkeiten, sondern um Ideologie. Dazu gehört auch die Abschaffung der Frau als Gebärende. Die Experimente, bezüglich des Nachwuchs von der Frau unabhängig zu werden, sind im vollen Gang. Wenn etwas einmal möglich war, verschwindet es nicht wieder, es sucht sich nur einen anderen Weg. Und vorgelebt und erprobt wurden diese Perversionen im Nationalsozialismus.

Vor allem das Massenhafte daran. Nicht mehr eine pervertierte Elite, die ihrer Lebensüberdrüssigkeit nicht anders Herr werden konnte als durch Erniedrigung, Schändung und Ermordung ihrer Untertanen, das hat es ja immer gegeben, nein, neu am Nationalsozialismus war die wahrlich massenhafte Beteiligung an diesen mörderischen Exzessen. Und dieser Masse begegnen wir etwa im Sextourismus wieder. Und wie eine Herde von Lämmern stehen die ach so verantwortlichen Regierungen diesem Phänomen gegenüber und können es leider nicht verhindern. Es betrifft ja nur Kinder, Mädchen vor allem, und außerdem Asiatinnen oder inzwischen auch, aber sicher nicht zufällig, wieder Slawinnen. Und außerdem gibt es das Problem ja noch im eigenen Haus, doch das überlassen die Herren lieber der Dunkelziffer.

Wieder muß ein Klima in der Gesellschaft bestehen, das all dies zuläßt.

Diese Männer, egal ob Sextouristen oder Vergewaltiger der eigenen Kinder, leben in einem Wahnsystem, das ihnen souffliert, ihr Bedürfnis sei wichtiger als das anderer Menschen oder, noch schlimmer, sie seien Menschen und die anderen nicht. Dieser Wahn kennt viele Formen. Bei den Nazis, diesen Meistern im Erzeugen von Wahnvorstellungen, war es der Wahn, die Juden hätten kein Lebensrecht, die Slawen seien Untermenschen und sie selbst die Herrenrasse. Alle, die diesem Wahn nicht anhingen, wurden von ihnen verfolgt, ermordet. Daß es sie gab, diese WiderstandskämpferInnen, die Deserteure, ist für jeden, der an der Idee der Entscheidungsfreiheit des Individuums festhält, ungemein wichtiger, als daß es die Mörder gab, denen wir trotzdem ins Auge sehen sollten, in unser Auge. Wenn wir beide ansehen, ergibt sich die Wahlmöglichkeit. Daß wir eine Wahl haben, verdanken wir denen, die hier nicht im Mittelpunkt stehen.

Heute werden wir nicht mehr vor die Lächerlichkeit gestellt, zwischen Rassen wählen zu müssen. Die Feinde sind jetzt die Ausländer, worunter auch Flüchtlinge zu zählen sind. Und das in einem Land, dessen Flüchtlinge nur überlebten, weil andere sie aufnahmen.

Der Zusammenbruch der sich sozialistisch nennenden Länder hat nicht nur zu einer Öffnung der Grenzen, sondern gleichzeitig zu einer Schließung derselben geführt, wenn auch unter anderen geographischen Vorzeichen, nämlich von westlicher Seite. Doch jedes Kind weiß, daß Westen und Osten nicht nur geographische Bezeichnungen sind. Der Westen verkörpert das Gute, der Osten das Böse. Altmodische Begriffe, mit denen ich aufgewachsen bin. Neumodisch formuliert: der Westen verkörpert den Erfolg, Reichtum, hingegen der Osten die Armut einer erfolglos gebliebenen Planwirtschaft.

Bis zum Zusammenbruch des Sozialismus verkörperte der Westen auch Freiheit und Menschenrechte, trug beides wie ein Banner, um den Osten damit zu beschämen. 1956, als Österreich noch ein relativ armes Land war, nahm es bereitwillig die Flüchtlingsströme aus Ungarn auf. 1995, als Österreich zu den zwölf reichsten Ländern der Welt zählte, schickte es Mustafa Secic, einen Deserteur der serbischen Armee, der in Österreich um Asyl angesucht hatte, ins Kriegsgebiet um Banja Luka zurück, mußte der Innenminister um die Selbstverständlichkeit kämpfen, daß Vergewaltigung ein Asylgrund für Frauen ist. Zur gleichen Zeit forderte Österreich lautstark die Beendigung des Krieges in unseren südlichen Nachbarländern. Man stelle sich vor, Deserteure der deutschen Wehrmacht wurden von Ländern, in denen sie um Asyl angesucht hatten, von diesen nach Nazideutschland zurückgeschickt. Es war ihr sicheres Todesurteil. Beides, die verbale Forderung nach einem Kriegsende und die gleichzeitige Ausweisung von Männern, die keinen Krieg führen wollten, geschah nicht nur in Österreich.

Westeuropa war und ist dabei, seine eigenen Prinzipien zu zerstören, vor allem das der Universalität der Menschenrechte. Doch da die Regierungen den Menschen mißtrauen, daß diese so ohne weiteres dabei mitmachen würden, kreierten sie ein neues Wahnsystem: Flüchtlinge, die es nach allen Vereinbarungen zu schützen gilt, werden als Kriminelle stigmatisiert. Ein relativ einfacher Trick sorgt dafür: Man kriminalisiert nicht die Flüchtlinge, sondern ihr Verhalten, das aus ihrer Notlage erwuchs. Seit dem 5. September 1990 hat Österreich an seiner Grenze zu Ungarn, also ausgerechnet an jener Grenze, deren Öffnung kurz zuvor für Begeisterungsstürme sorgte, Soldaten stationiert. Ursprünglich sollte dieser „Assistenzeinsatz“ des Bundesheeres auf maximal 10 Wochen beschränkt sein. Wie oft er bisher verlängert wurde, kann sich jede/r ausrechnen. Hinzuzufügen ist, daß die lange Dauer verfassungsmäßig zumindest bedenklich ist. (...)

Junge Männer greifen Menschen auf, übergeben sie den Behörden, von denen sie abgeschoben werden, denn es sind ja keine Flüchtlinge, sondern Ausländer, die des kriminellen Delikts des illegalen Grenzübertritts beschuldigt werden können. Kriminelle haben kein Recht, einen Asylantrag zu stellen. Für Kriminelle gelten all die Flüchtlingsschutzbestimmungen nicht. Für wen gelten die Menschenrechte? Nur noch für EU-Bürger? Oder bald auch für sie nicht mehr, sobald sie keine reichen EU-Bürger sind oder alt, behindert, unheilbar krank? Eine Gemeinschaft, die sich nur um die Staatsverschuldung als Kriterium für eine Währungsunion, nicht jedoch um die Arbeitslosenzahl kümmert, was bedeutet, daß die Regierungen keine Konzepte dagegen haben, ja, es nicht einmal wert finden, welche dagegen zu entwickeln, wird die Grenzen, die sie jetzt bereits gegenüber Schutzbedürftigen von Nicht-EU-Ländern zieht, auch bald gegenüber ihren Bürgern ziehen, denn die Würde des Menschen ist unteilbar. Wenn wir jedoch das Wahnsystem zulassen, daß die Menschenrechte nur einem Teil der Menschen zustehen, dann tragen wir mit dazu bei, wenn sie uns demnächst selbst entzogen werden.

Es ist doch so einfach: Würde ein einzelner behaupten, ein Deserteur oder ein politisch Verfolgter solle in seinem Land bei der ihn verfolgenden Behörde um Asyl im Ausland ansuchen, man würde diesen Menschen für verrückt halten oder zumindest für sehr, sehr dumm. Behaupten dies jedoch gleich mehrere Regierungen Westeuropas, können sie danach handeln, vorausgesetzt, die Menschen teilen diesen Wahn. Noch besteht Hoffnung, daß es die Mehrheit nicht tut.

Welche Reaktionen die Wahngebilde der Herrschenden hervorrufen können, dafür bietet diese Ausstellung ein bizarres Beispiel. Erst die Befehle an das Heer und das Verhalten der Truppe lösten in den Jahren 1942/43 die Partisanenbewegung in Rußland aus, die von der deutschen Wehrmacht angeblich seit ihrem Einmarsch 1941 bekämpft worden war. Und die bohrenden Zweifel, die sich für mich aus der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ergeben, sind durchaus heute noch gültig:

Zur Schuld gehört das Bewußtsein, schuldig zu sein.
Zum Bewußtsein von Schuld gehören die Gefühle wie Reue, Scham.
Zum Menschen gehört die Verantwortungsfähigkeit für sich und andere.

Kann man sein Schuldbewußtsein, seine Gefühle, seine Verantwortungsfähigkeit für einige Jahre ablegen und sie dann wieder hervorholen wie ein Taschentuch aus dem Schrank? Frisch gewaschen von anderer Hand?

Es waren und sind die SchriftstellerInnen dieses Landes, die sich solchen Zweifeln aussetzten und sie beschrieben. Doch dies ist ein eigenartiges Land. So wenig, wie es jemals stolz war auf die mutigen Männer und Frauen, die dem Nationalsozialismus Widerstand leisteten, liest es die Werke seiner SchriftstellerInnen, die ihn und sie begleiten würden bei den oft quälenden Fragen, den unbeantwortbaren, solange nicht andere Gedanken die eigenen aus ihrem ewigen Kreislauf der Einsamkeit herausholen. Es gibt sie, die Bücher, die sie begleiten können. Es liegt an Ihnen, sie zu wählen, bevor wir alle so gleichgeschaltet sind, daß Lesen Sie verdächtig macht. Denn auch dies gehört zu der vorhin bereits erwähnten Zerstörung der Prinzipien: Weltweit vernetzt sollen wir alle das gleiche denken und gefühlsamputiert vor unseren Bildschirmen vor uns hinvegetieren, sprachverarmt einen mit Anglizismen vermischten Brei einnehmen, dessen Ungenießbarkeit wir nicht einmal mehr bemerken. Auch die Spracharmut begann mit den Nazis, Sie brauchen nur einen der ausgestellten Befehle zu lesen. Doch ohne Sprache sind wir nicht. Wer werden wir sein?